Der Geldzauberer - Vor 70 Jahren beendete der Wiener Verwaltungsgerichtshof das spektakulärste Geldexperiment der Wirtschaftsgeschichte
Der Tiroler Ort Wörgl hatte mit einer Lokalwährung erfolgreich die Deflation der dreißiger Jahre bekämpft – 170 österreichische Gemeinden wollten sich dem Versuch anschließen.
aus Brandeins Online
Wörgl, 8. Dezember 1943, acht Uhr früh. Die Limousine kam im Morgengrauen, aus den Bergen. SS-Hauptsturmführer Sebastian Wimmer lässt an der einzigen Zapfsäule des Ortes tanken. Der Kriegsgefangene im Wagenfond mustert aufmerksam die Fassaden: „Die Geschäfte sind geöffnet“, notiert Édouard Daladier in sein Tagebuch, „aber die Waren stehen verlassen in den Schaufenstern.“
Daladier hat Wörgl anders in Erinnerung. Schon einmal ist er hier gewesen, im Sommer 1933. Damals war Daladier noch Frankreichs Ministerpräsident. Und er kam eigens angereist, nur um Wörgls regen Handel zu studieren. In den Alpen werde die „Revolution von 1789 in wirtschaftlicher Hinsicht“ fortgesetzt, berichtete er begeistert seinen sozialistischen Parteifreunden zu Hause. Daladier versucht, sich an den seltsamen Namen des „Bourgemestre“ zu erinnern. Vergebens.
Unterguggenberger, Michael. Geboren am 15. August 1884 in Hopfgarten/Tirol. Bauernsohn aus armen Verhältnissen. Mit zwölf Jahren Hilfsarbeiter im Sägewerk. Mechanikerlehre, Wanderjahre am Bodensee, in Galizien, Schlesien. 1905 Heimkehr ins Tiroler Unterland. Er wird Lokomotivführer an der Brennerstrecke, Bahnknoten Wörgl. Der kleinwüchsige Mann mit dem Schnauzbart schafft es bis auf den Posten des Gewerkschaftsführers des aufstrebenden Industrieortes und verachtfacht die Mitgliederzahl: Von 4216 Einwohnern sind bald 800 in der Gewerkschaft. Wegen Herz-Lungen-Schwäche Frühpensionierung. Unterguggenberger führt nun die Sozialdemokraten im Gemeinderat. 1931 bestimmt ihn das Los zum Bürgermeister. Von den marxistischen Losungen der Wiener Parteizentrale hält er nichts. Er ist Autodidakt. Er liest viel. Überlegt. Handelt.
Österreich, 1932. Im Land legen Mitglieder des sozialdemokratischen Schutzbundes Waffenlager an. Ihre Gegner, die faschistischen Heimwehr-Milizen, paradieren in Fantasieuniformen durch die Städte. Mit dem Zusammenbruch der Wiener Creditanstalt hat die Wirtschaftskrise ihren Höhepunkt erreicht. Mit Milliarden aus dem Ausland hatte die größte Bank Österreichs Industrieaktien gekauft und an die erworbenen Firmen Großkredite ausgereicht. Dann rutschen die Kurse: Der Schwarze Freitag am 25. Oktober 1929 macht weltweit über Nacht Kreditsicherheiten wertlos. Aus Angst vor Verlusten ziehen Gläubiger Kapital ab. Horten es. Der Schilling wird knapp. Er steigt im Wert. Die Preise sinken. Weil morgen alles billiger zu werden verspricht als heute, wird jeder Kauf auf morgen verschoben. Und morgen auf übermorgen. Waren finden keine Käufer mehr, Löhne werden nicht bezahlt. Der Dominoeffekt reißt tausende Firmen mit. Während der Deflation bis 1933 verdreifacht sich die Zahl der Arbeitslosen auf 557 000, die Wirtschaftsleistung sackt um 23 Prozent ab.
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