Verzeihen kittet Ehen, senkt den Blutdruck und macht Dicke dünn
Nach positivem Denken und Optimismus haben US-Amerikaner nun ein neues Allheilmittel entdeckt: das Verzeihen. Vergeben macht selig und gesund, es repariert kaputte Ehen und beugt Verbrechen vor. Verzeihen ist in den USA ein neuer Forschungszweig geworden
Von Ursula Gräfen - Quelle: "Ärztezeitung":http://www.aerztezeitung.de
Was das Vergeben alles bewirken kann und wie gesund es ist, seinen Mitmenschen Kränkungen zu vergeben, wird auf der ersten Konferenz zum Verzeihen diskutiert, die heute und morgen in Atlanta stattfindet.
46 wissenschaftliche Studien rund ums Verzeihen
Hinter dem Kongreß steht die "Kampagne für Vergebensforschung", zu deren Vorsitzenden die Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und Jimmy Carter gehören. Stifter haben der Kampagne sieben Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt, um wissenschaftliche Projekte rund ums Verzeihen zu finanzieren.
Die Stufen des Verzeihens
Verzeihen ist kein einfacher Prozeß. Der amerikanische Verzeihensexperte Dr. Robert D. Enright rät, systematisch vorzugehen, und zwar in vier Stufen:
- Zunächst sollte man sich klar werden über Ärger und Übeltäter.
- Zweiter Schritt ist, sich dazu durchzuringen, wirklich verzeihen zu wollen.
- Dann ist es wichtig, aktiv daran zu arbeiten, zu versuchen, den anderen zu verstehen, aber auch den eigenen Schmerz anzuerkennen.
- Schließlich geht es nur noch darum, die Befreiung aus einem emotionalen Gefängnis zu genießen.
Insgesamt 46 wissenschaftliche Studien zur Kraft der Vergebung, darunter auch viele medizinische, hat die Kampagne in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse auf der Konferenz präsentiert werden. Um das so gesunde Verzeihen auch praktisch unter die Leute zu bringen, findet gleichzeitig eine zweite Konferenz statt: "Helping People Forgive". 400 bis 600 Klinikärzte, Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, Krankenschwestern, Priester und andere kommen hier zusammen und diskutieren, wie man Menschen helfen kann zu vergeben und zu vergessen.
Doch Spaß beiseite. Daß Ärger und ungelöste Probleme krank machen können, ist bekannt. Und jeder kennt das Gefühl der Befreiung und Erleichterung nach einer Versöhnung. Wenn einem der sprichwörtliche Stein vom Herzen gefallen ist, geht es einem wirklich besser. Genau das haben die neuen Studien zum Verzeihen gezeigt.
Zu verzeihen kann gelernt werden
So soll Verzeihen den Blutdruck senken: Jedenfalls hatten in einer Studie von Loren Toussaint mit fast 200 Probanden aus Michigan diejenigen, die von ihrer Persönlichkeit mehr zum Verzeihen tendierten, nicht nur einen niedrigeren diastolischen Blutdruck als weniger Verzeihbereite, bei ihnen wurden auch niedrigere Kortisol-Werte gemessen.
Eine andere Studie eines Psychiaters der Duke University in Durham in North Carolina hat sich mit Rückenschmerzen und Depressionen befaßt: Dr. James Carson hat gezeigt, daß Verzeihen nicht nur chronische Rückenschmerzen und Depression lindern kann, sondern auch vor einer Chronifizierung von Schmerzen schützt.
Auch etwa auf Adipositas wirkt sich Verzeihen günstig aus: 44 italienische Ehefrauen, alle stark übergewichtig und typische Frustesser, nahmen ab, nachdem sie gelernt hatten, ihren Männer all die Kränkungen zu verzeihen, die sie ihnen angetan hatten. Vergeben hat außerdem einen günstigen Einfluß in der Rehabilitation von Patienten mit Wirbelsäulenproblemen.
Aber: Verzeihen ist nicht einfach und auch nicht, wie Friedrich Nietzsche geschrieben hat, "ein Zeichen von Schwäche". Sondern, so die US-Kampagne: Verzeihen ist Schwerarbeit. Offenbar kann das kaum jemand einfach so von selbst.
Deshalb haben die Verzeihensexperten Kurse entwickelt, in denen das Vergeben gelernt werden kann. Daß das funktioniert, ist in einer weiteren Studie nachgewiesen worden.
Der Psychologe Frederic Luskin von der Stanford University in Kalifornien hat 259 Bürger aus dem Raum San Francisco sechsmal zu 90minütigen Sitzungen eingeladen, in denen Verzeihen geübt wurde. Die Teilnehmer fühlten sich alle von irgendjemandem gekränkt oder beleidigt, aber sie hatten keine körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt.
In dem Kurs diskutierten sie über Schmerzen, die ihnen zugefügt worden waren, hörten sie Vorträge, führten sie innere Gespräche mit den Übeltätern. Den meisten Probanden ging es nachher besser: 70 Prozent gaben an, weniger Schmerz als vorher zu empfinden. 27 Prozent hatten auch weniger physische Symptome wie Rücken- oder Kopfschmerzen, Schwindel, Schlaflosigkeit. 15 Prozent gaben an, nicht mehr so emotional auf Streß zu reagieren.
Und alle (in dem Bericht ist sogar in typisch amerikanischer Übertreibung von 105 Prozent die Rede) waren bereit, auch in Zukunft zu verzeihen, statt Ärger in sich hineinzufressen. Verzeihen als 105prozentige Wunderdroge.
